Forschungsprojekte

Als wissen­schaftliche Mitarbeiter des Instituts für Kulturforschung Graubünden (ikg) bear­bei­ten Mirella Carbone und Joachim Jung zur­zeit fol­gende Forschungsprojekte:

Spaziergänge durch Nietzsches Sils Maria

Sils Maria im Oberengadin war für Friedrich Nietzsche eine «perla per­lis­sima». Hier ver­brachte er zwi­schen 1881 und 1888 sie­ben Sommer. Seitdem suchen Dichter, Musiker, Künstler und unzäh­lige andere Besucher Jahr für Jahr Ruhe und Erholung auf den Spuren des Philosophen. Welches aber waren Nietzsches Lieblingsspaziergänge? Was zog Hermann Hesse immer wie­der nach Sils? Wo wohn­ten und was mach­ten Annemarie Schwarzenbach, die Familie Mann, Marc Chagall, Friedrich Dürrenmatt, Max Frisch, Rainer Maria Rilke, Kurt Tucholsky, Marcel Proust, Anne Frank, Paul Celan, Claudio Abbado und so viele mehr an die­sem Ort?

Auf sechs Spaziergängen gelei­tet Paul Raabe seine Leserinnen und Leser zu den schöns­ten Plätzen, zu geschichts- und geschich­ten­träch­ti­gen Häusern und Herbergen in Sils und des­sen Umgebung. Begleitet von der lite­ra­ri­schen Stimmenvielfalt ihrer zahl­rei­chen berühm­ten Gäste erschliesst sich dem Spaziergänger Nietzsches «lieb­lichs­ter Winkel der Welt» als eine nicht nur wun­der­schöne Natur-, son­dern auch lite­ra­risch rei­che (Kultur-)Landschaft.

Das sehr erfolg­rei­che Buch ist seit vie­len Jahren ver­grif­fen. Mirella Carbone und Joachim Jung berei­ten eine aktua­li­sierte und erwei­terte Neuausgabe vor.

 

Der Schmuggel an den Grenzen zwi­schen Bündner Südtälern und der Provinz Sondrio

Einführung
Die Geschichte des Schmuggels von Südbünden nach Italien und in umge­kehr­ter Richtung umfasst eine Zeitspanne von ca. 160 Jahren und beginnt in der Zeit um 1800, nach­dem Napoleon den Bündnern das Veltlin und Chiavenna weg­ge­nom­men und diese Gebiete der Zisalpinischen Republik zuge­schla­gen hatte. Die ehe­ma­li­gen Untertanen der Drei Bünde hat­ten sich vom «Befreier» Napoleon die Anerkennung ihrer Autonomie erhofft. Was sie erleb­ten, war im Gegenteil eine zen­tra­lis­ti­sche Regierung, die sogleich Grenzen zog und diese streng kon­trol­lie­ren liess. Diese Grenzen durch­schnit­ten plötz­lich Wege, die jahr­hun­der­te­lang frei benutzt wor­den waren, sie zer­stör­ten soziale und wirt­schaft­li­che Beziehungen, die in der Geschichte und Kultur die­ser Gebiete tief ver­wur­zelt waren. Die neuen, von der napo­leo­ni­schen Regierung ein­ge­führ­ten Grenz- und Zollgesetze blie­ben den Menschen aus die­sen Gegenden völ­lig unver­ständ­lich.

Vor allem die neu ein­ge­führte, teure Salzsteuer wurde von Menschen, die haupt­säch­lich Viehwirtschaft betrie­ben und viel Salz für die Konservierung des Fleisches brauch­ten, als Schikane erlebt. Die Folge war nach kur­zer Zeit die Entwicklung des Schmuggels mit Salz aber auch mit ande­ren Waren, wobei es für die Grenzbewohner schwie­rig war, den unrecht­mäs­si­gen Charakter ihres Handels nach­zu­voll­zie­hen. Mit der Zeit wurde der Schmuggel für die Bergbevölkerung auf bei­den Seiten der Grenzen zu einer will­kom­me­nen Alternative zur har­ten Land- und Viehwirtschaft und zur Emigration. Es han­delte sich zwar auch um eine sehr anstren­gende, dazu gefähr­li­che Tätigkeit, sie war aber lukra­tiv.

Im Zeitraum zwi­schen 1800 und den 1960er Jahren flo­rierte der «Export II» – so wurde der Schmuggel in den 1950er und 60er Jahren von den Schweizer Zollbeamten genannt – fast unun­ter­bro­chen, obwohl er – v.a. von ita­lie­ni­scher Seite – hart bekämpft wurde. Sein Ende kam erst zu Beginn der 1970er Jahre haupt­säch­lich aus fol­gen­den Gründen: 1) beim Schmuggel mit Zigaretten wurde die Konkurrenz des Schwarzhandels auf dem Seeweg immer stär­ker; 2) der Wechselkurs Lira-Franken war lange Zeit fest und für die Italiener güns­tig gewe­sen. Im März 1973 ver­än­derte sich die Lage durch das Zusammenbrechen die­ses Systems und durch die Erstarkung des Franken, so dass die Gewinnspanne beim Kauf in der Schweiz und Verkauf in Italien immer klei­ner wurde; 3) der Kaffee-Schmuggel bekam den Todesstoss in den 70er Jahren durch die neue Zollpolitik Italiens, die end­lich den Einfuhrzoll auf Kaffee dras­tisch redu­zierte, was nun den Schwarzhandel völ­lig sinn­los machte.

Ausgangslage: Quellenmaterial und Vorarbeiten, Quellenpotenzial
Es exis­tiert ein star­kes Gefälle im Forschungstand auf bei­den Seiten der Grenze: Während auf der ita­lie­ni­schen Seite bereits Einiges über die­ses Thema publi­ziert wor­den ist, gibt es auf Schweizer Seite kaum umfas­sende Forschungsstudien, die auch die sozio-öko­no­mi­schen und die poli­ti­schen Aspekte der Thematik umfas­sen.

Projektphasen
In einer ers­ten Phase sollte das Projekt das Ziel haben, noch vor­han­de­nes Wissen von Zeitzeugen zu sichern. Dabei müsste das Forschungsgebiet geo­gra­phisch auf das Gebiet Oberengadin/Bergell und even­tu­ell Puschlav beschränkt wer­den.
Dabei sollte man mit ForscherInnen aus Valchiavenna und Valmalenco Kontakt auf­neh­men und ver­su­chen, zusam­men­zu­ar­bei­ten und Synergien zu schaf­fen.
In einer zwei­ten Phase soll­ten auf Schweizer Seite Archivrecherchen geführt wer­den, auf Gemeinde-, Kantons- und Bundesebene. Eine oder meh­rere Fachpersonen mit his­to­ri­scher Ausbildung soll­ten diese Recherchen über­neh­men.

Ziele
Das aus den Interviews und den Archiv-Recherchen gewon­nene Material wird in einer Datenbank des Instituts für Kulturforschung Graubünden gesam­melt und even­tu­elle öffent­lich zugäng­lich gemacht. Die Ergebnisse der Forschung wer­den in einer Publikation zusam­men­ge­fasst.

 

Abgeschlossene Forschungsprojekte

2010–2012 Forschungsarbeit über den aus dem Bergell stam­men den nai­ven Maler Samuele Giovanoli (1877–1941)

Giovanoli, der sein Leben im Fextal (Oberengadin) ver­brachte und ver­kannt starb, ist heute über die kan­to­na­len Grenzen hin­aus bekannt und für seine ori­gi­nelle Kunst geschätzt. Das Resultat die­ser Forschungsarbeit ist eine Monographie über Giovanoli mit dem ers­ten Gesamtverzeichnis aller Werke des Künstlers, die bis heute gefun­den wer­den konn­ten:

Publikation: Mirella Carbone: «Samuele Giovanoli (1877–1941)». — Hrsg. vom Institut für Kulturforschung Graubünden (ikg). — Zürich: Edition Stephan Witschi, 2013. — ISBN: 978–3–9523619–6–2.

Ausstellung: Anlässlich die­ser Publikation fand vom 18. Dezember 2012 bis zum 7. April 2013 im Silser Robbi Museum eine Sonderausstellung statt, mit zum Teil noch nie öffent­lich gezeig­ten Werken Giovanolis.

Forschung 3 A. Schwarzenbach Aktenband

2010 Publikation – Annemarie Schwarzenbach. Werk, Wirkung, Kontext

Akten der Tagung in Sils/Engadin vom 16. bis 19. Oktober 2008. Hrsg. Mirella Carbone; mit einer Schwarzenbach-Bibliografie 2005–2009. Bielefeld: Aisthesis Verlag, 2010.

Diese Publikation des Instituts für Kulturforschung Graubünden ent­hält die Beiträge einer inter­na­tio­na­len Tagung, die das ikg und das Kulturbüro KUBUS im Herbst 2008, anläss­lich von Annemarie Schwarzenbachs 100. Geburtstag, in Sils durch­ge­führt haben.

Für den Tagungsband ver­fasste Prof. Walter Fähnders eine Bibliographie. Sie berück­sich­tigt die künst­le­ri­schen Adaptionen von Schwarzenbachs Leben und Werk sowie die Forschungsliteratur zwi­schen 2005 und 2009 und bil­det damit die Fortsetzung einer ers­ten Bibliografie, die Fähnders in der Aufsatzsammlung «Annemarie Schwarzenbach. Analysen und Erstdrucke» (Hg. W. Fähnders/S. Rohlf. – Bielefeld: Aisthesis, 2005) publi­ziert hatte.

Eine Bibliographie ab Januar 2010 ist nun online ein­seh­bar und wird regel­mäs­sig aktua­li­siert. Download

 

Siehe auch: https://kulturforschung.ch/institut/projekte